Kaiser Wilhelm und Zar Nikolaus in Swinemünde

Anfang des 20.Jahrunderts war die Stadt Swinemünde das, was man heute eine „Boom-Town“ nennen würde. Die Stadt erlebte einen ungeheuren Aufschwung. Der Hafen war international bekannt, Handelswege verbanden die Stadt mit aller Welt und vor allem im Sommer tummelte sich ein illustres Publikum im blühenden See- und Solbad. Swinemünde war nicht nur bei „normalen“ Kurgästen „in“ sondern zog auch viel Prominenz an. So besuchte seit 1882 der deutsche Kaiser Wilhelm II. an den so genannten Kaisertagen regelmäßig die Stadt. Auch Visiten ausländischer gekrönter Häupter waren keine Seltenheit.
 Im Jahre 1907 fand hier eine historische Begegnung statt, die als Zwei-Kaiser-Treffen in die Geschichte eingegangen ist. Am 4.August 1907 trafen sich im Seebad Kaiser Wilhelm II. und der russischer Zar Nikolaus II (sie waren Cousins). Kein Wunder, dass Swinemünde damit in den Mittelpunkt des Weltinteresses rückte, sollte doch dieses Treffen die politischen Verhältnisse in Europa auf Jahre hinaus ordnen und sichern.
 Aus allen Teilen Deutschlands eilten Besucher herbei, um das Spektakel wenigstens als Zaungäste mitzuerleben. Der ganze Strand von  Swinemünde bis Bansin soll nach Augenzeugenberichte von Bewohnern und Urlaubern gewimmelt haben. Sie sahen die weiβe Kaiser-Jacht „Hohenzollern“, die mit einem Groβteil der deutschen Flotte als Geleit vor Swinemünde auf Reede lag. Daneben ging das Schwarze Zarenschiff  „Kronstadt“, von russischen Torpedobooten ständig umkreist, vor Anker. Mit dem Fernglas war zu beobachten, dass der deutsche Kaiser eine Kosakenoberstuniform trug, der russische Zar hingegen mit einer preuβischen Dragoneroberstuniform bekleidet war.
 Nachdem der deutsche Kaiser einen Trinkspruch auf den Zaren ausgebracht hatte, dröhnten Punkt 13 Uhr die Salutschüsse von den Geschützen der Swinemünder Festung zur Begrüßung. Am Abend gab es ein groβes Feuerwerk über der Reede zu sehen. Rote, blaue, grüne und weiβe Raketen zischten durch die Luft und die Umrisse der Schiffe, die von Tausenden Glühlampen erleuchtet waren, zeichneten sich vor dem dunklen Horizont ab.

Als Krönung des Spektakels erschienen ein riesengroßes W  für Wilhelm und ein N Nikolaus, die sich angeblich „ewige“ Freundschaft geschworen hatten. Nach einer Stunde, gegen Mitternacht, war das Lichtspiel beendet. An der Strandpromenade und der Seebrücke wurde allerdings noch bis zum Morgen getanzt, wurden patriotische Lieder gesungen.
 Allerdings haben sich die Hoffnungen auf einen langen Frieden schnell zerschlagen und der Freundschaftsschluss wurde schon sieben Jahre später zum wertloser Papier. Die friedliche Zeit endete am 1.August 1914. Ein Trompetenstoβ des Hornisten der Swinemünder Garnison kündigte den Ersten Weltkrieg an. Fast alle Kurgäste fuhren eilig ab und mit einem Schlag zeigte die Stadt ein anderes Gesicht. Das Feldgrau des Heeres und das Blau der Marine herrschten überall vor.
Dr.J.Pl.