Der Leuchtturm von Swinemünde
 

Im Jahre 1863  schreibt Theodor Fontane, der 1832 Swinemünde verlassen hatte,  von einem Urlaub in Heringsdorf an seine Frau: „Es ist alles anders geworden... ein riesiger Leuchtturm flankiert und überragt das ganze Bild, Dampfer kommen und gehen und zu beiden Seiten des (Swine-) Stromes erheben sich neue Festungswerke mit ihren Türmen und Bastionen“. Es handelt sich beim Swinemünder Leuchtturm in der Tat um ein für das 19.Jahrhundert riesiges Gebäude,  galt der Turm doch bei seiner Inbetriebnahme im Jahre 1857 mit seinen 250 Fuß als der höchste Leuchtturm der Erde und noch heute wird er von keinem anderen Leuchtturm an der Ostsee übertroffen.  „Der Leuchtturm hat an der ganzen Ostseeküste nicht seinesgleichen und flößt  durch seine kühne schlanke Gestalt und durch seine solide Bauart wahrhaft Bewunderung ein. Überhaupt ist dieser Leuchtturm für die in steter Zunahme begriffene Schifffahrt ein so nützliches und wichtiges Werk, dass dagegen die aufgewandeten Baukosten von 60 000 Thalern gar nicht in Betracht kommen“, schrieb der Swinemünder Chronist Burkhardt.
 
Fragt man heute nach dem Primus unter den Leuchttürmen, muss man zunächst Bauwerkshöhe und Feuerhöhe (Turmhöhe + Geländehöhe) unterscheiden und zum anderen definieren, welches Bauwerk man als Leuchtturm akzeptiert. So wird etwa in Travemünde das Licht aus der obersten Etage eines 113 m hohen Hotelhochhauses abgestrahlt. Als Leuchtturm wird aber niemand dieses Haus bezeichnen! Die größte Feuerhöhe dürfte der griechische Leuchtturm Gavdos auf der gleichnamigen Insel südlich von Kreta haben (360 m), gefolgt vom australischen Leuchtturm auf Deal Island/Tasmanien (305 m). Aber solche Leuchthöhen sind natürlich nur in wolkenarmen Gegenden sinnvoll, denn was nützt ein Licht in 300 Metern Höhe, wenn in 150 Metern eine geschlossene Wolkendecke liegt? Der höchste „Leuchtturm“ (ein Gittermast von 101 Metern Höhe, der jedoch in erster Linie eine Seeleitzentrale beherbergt) steht im japanischen Yokohama. Der höchste wirklich klassische Leuchtturm mit einer Höhe von 82,5 Metern befindet sich auf der französischen Insel  Ile Vierge (Nord-Finistère). Er übertrifft den vom Geheimen Oberbaurat Severin in Swinemünde errichteten um weniger als 20 Meter!     Vorgänger des Swinemünder Leuchtturmes war eine am Kopf des Ostpackwerkes errichtete „Leuchtbude“ aus Holz und Spiegeln gewesen, die im Frühjahr 1805 in Betrieb genommen wurde. Trotzdem liefen im Jahre 1814 während eines starken Sturmes in der  Pommerschen Bucht 10 Segler auf Grund.  23 Jahre später, im Jahre 1828, wurde auf dem Ostmolenkopf eine von Schinkel entworfene 12,5 m hohe Stahlleuchtbake errichtet. In dieser Zeit dürfte die folgende Episode entstanden sein: Noch heute erzählt man sich, dass der damalige Leuchtturmwärter an heißen wie an regnerischen Tagen unter einer Jahrhunderte alten Riesenstieleiche in Osternothafen Schutz gesucht hatte, die aus diesem Grunde von den Einwohnern „Leuchtturmwärter – Eiche” genannt wurde.
1857 schließlich, informierte die Schifffahrtskommission in Swinemünde die vorgesetzte Behörde der Regierung in Stettin darüber, dass auf dem neuen Leuchtturm am 1.Dezember 1857 (Baubeginn war 1854 gewesen) das Feuer gezündet worden war. Der zuvor nur für die Leuchtbake zuständige Wärter erhielt darauf hin für seine neue Aufgabe eine Extravergütung von 17 Silbergroschen und 6 Pfennigen am Tag. Kurze Zeit später wurde ein zweiter Leuchtturmwärter eingestellt. Im Sockelgebäude des Leuchtturmes, das nur scheinbar den Turm trägt, fanden sie von nun an ein eigenes Domizil. Der Name eines Swinemünder Leuchtturmwärters musste in geselliger Runde bei Rum und Arrak für den simplen Trinkspruch „wie heißt der Leuchtturmwärter von Swinemünde?" herhalten. Die vielstimmige Antwort lautete stets wahrheitsgemäß "Prost!" 
Der mit einer Fresnel - Linse ausgerüstet 68 m hohe Leuchtturm (Leuchthöhe) - damals ein Meisterwerk der Baukunst – erzeugte sein Licht zunächst durch  4 konzentrische, durch Raps-Öl gespeiste Dochte. Seine Leuchtweite betrug 24 Seemeilen. In den zwanziger Jahren des 20.Jahrhunderts wurde er auf elektrisches Licht umgestellt. Die Lichtsignale – nach zunächst hell strahlendem Licht alle fünf Sekunden eine Sekunde Dunkelheit – wurden zunächst durch große, um den Lichtkopf rotierende Platten erzeugt, die durch ein Uhrwerk angetrieben wurden. Die Energie für die Platten lieferte ein großes Gewicht, welches im Innern des Turmes an einem langen Seil hing. Später wurde dieser Mechanismus durch einen Elektromotor ersetzt. Das Licht wird heute durch eine Lampe von 4200 W erzeugt.   
 Im Laufe der Jahrzehnte verwitterte das Mauerwerk des Turmes besonders an der Westseite sehr stark.  Aus diesem Grunde erhielt der ganze Turm in den Jahren 1901 – 1903 für 79.500 Mark einen neuen Mantel aus Klinkern. Auf diese Weise  wurde aus dem ursprünglich achteckigen ein runder Turm. Zum Bau wurden  gelbe Klinker aus Skromberg ( Schweden) und rote Klinker aus der Ziegelfabrik in Zastrow gewählt.  Während beider Kriege war am Leuchtturm eine Sprengladung angebracht. Diese sollte ihn bei einer eventuellen Invasion in den Swinestrom schleudern, um diesen für die Schifffahrt zu sperren.   
Keineswegs sollte der Turm  in Feindeshand fallen. Zu einer Sprengung ist es glücklicherweise nie gekommen. Allerdings wurde der Leuchtturm während des Luftangriffs 1945 durch Bomben beschädigt. Diese Beschädigungen wurden 1959 provisorisch repariert, indem das Mauerwerk durch Zementspritzen verstärkt wurde. Etwas später hatte die in den 60er Jahren in der Nähe des Leuchtturmes durch die Hafenverwaltung Szczecin – Swinoujście  gebaute Verladestation für Chemikalien das Bauwerk in Mitleidenschaft gezogen. In den Jahren 1997 – 2000 wurde der Turm restauriert. E.R.