Kaseburg (Karsibór) - zu Swinemünde
 

 

Auf unserem Weg in das seit 1945 polnische Kaseburg setzen wir mit der gebührenfreien Kaseburger Fähre zur Insel Wollin über. Diese überquert die Swine etwa 7 Kilometer südlich von Swinemünde unmittelbar vor der Gabelung von Alter Swine und Kaiserfahrt (polnisch „Kanal Piastowski“). Wir passieren schließlich rechterhand eine einspurige Brücke über die Alte Swine (erbaut 1966), von der aus sich ein schöner Blick nach Pritter und Lebbin mit den Lebbiner Bergen, einem Höhenzug, der sich bis nach Misdroy hinzieht, bietet und gelangen so von der Insel Wollin auf die etwa 14 Quadratkilometer große Insel Kaseburg. Sie wird im Süden vom Stettiner Haff begrenzt, im Norden von der Alten Swine, im Osten vom Delta der Alten Swine und im Westen von der Kaiserfahrt.
 Bis zum Bau der Kaiserfahrt, einem 5,1 Kilometer langen, 80 Meter breiten und 9 Meter tiefen Durchstich von der Alten Swine zum Stettiner Haff, die nach sechsjähriger Bauzeit im Jahre 1880 fertig gestellt worden war, lag Kaseburg auf dem östlichsten Zipfel der Insel Usedom. Man konnte trockenen Fußes von Swinemünde oder Kamminke durch die Kaseburger Heide zum alten pommerschen Fischer- und  Bauerndorf Kaseburg wandern. Nun aber war eine neue Insel entstanden, verkehrstechnisch sehr zum Nachteil ihrer Bewohner, die als Entschädigung unentgeltlich die Fähre über die Swine benutzen durften, wenn sie auf die Insel Usedom wollten. Ein Privileg, das die Stadt Swinemünde im Verlaufe der Zeit teuer zu stehen kam. Die Kaseburger ließen es sich jedoch nicht abkaufen. Die Kaiserfahrt  erleichterte die Weiterfahrt der großen Schiffe von Swinemünde nach Stettin bzw. machte sie überhaupt erst möglich. Vorher wurde mit geleichterten bzw. kleineren Schiffen die Alte Swine befahren, die sich mühsam und recht flach durch den Großen Vietziger See, den größten See der Insel Wollin, schlängelt. Im Delta dieses Mündungsarmes der Oder befinden sich mehr als 40 kleinere unbewohnte Inseln.
  Kurz vor dem Ort liegt rechterhand an der Kaiserfahrt ein Überbleibsel des Krieges, der ehemalige Schnellboothafen (oft auch als „U-Boot-Hafen“ bezeichnet). Hier war 1944 die 4. Schulungsflotte der Kriegsmarine stationiert.
  Im Ort selbst, der an einem blinden Arm der Alten Swine, die Heidfahrt oder das Ryck genannt, liegt,  fällt zunächst die „Marina“ (links der Straße) auf. Haubentaucher, Blesshühner, Stockenten und Schwäne tummeln sich davor auf dem von Schilf eingesäumtem Flussarm.  Hier kann man mit seiner Yacht anlegen, ein Boot ausleihen, speisen oder einen Bungalow unmittelbar am Wasser mieten. Insbesondere im Sommer ist Kaseburg ein beliebter Ausflugsort. Hier finden nicht nur die Swinemünder, sondern auch viele Deutsche  Ruhe und Entspannung. Auch ein Campingplatz erwartet  in Kaseburg seine Besucher.
  Der Dorfstraße folgend, die hier beidseitig von zwei Reihen alter Bäume eingefasst ist, gelangen wir zur Marienkirche, der bereits im 15.Jahrhundert errichteten gotischen Dorfkirche. Ihre heutige Form hatte sie 1826 durch Schinkel erhalten. Man erzählt sich, dass der Schwedenkönig Gustav Adolf, der während des Dreißigjährigen Krieges zu Mittsommer 1630 mit seinen Soldaten in der Nähe von Peenemünde angelandet  war, vor dem Weitermarsch nach Wollin in Kaseburg halt gemacht hatte. Er soll zwischen dem 14. und 19.Juli im dortigen Pfarrhaus genächtigt und  sein Frühstück unter den alten Kastanien eingenommen haben, bevor er daran ging, die „Kaiserlichen“ unter Wallenstein von der Insel Wollin zu vertreiben. Für die Bewohner von Usedom und Wollin folgte die bis 1720 währende schwedische Besatzungszeit.
 Der im Jahre 1242 erstmals urkundlich erwähnte Ort hat also eine sehr viel längere Geschichte als die Stadt Swinemünde, die erst 1765 gegründet worden war. Erwähnenswert ist auch die Tatsache, dass hier das älteste historische Fundstück auf der Insel Usedom, eine arabische Münze aus dem Jahre 718 gefunden wurde.
 Von der Dorfstraße aus führt ein Weg zur nahen Kaseburger Hutung  (Karsiborska Kepa), einem Vogelschutzgebiet und Paradies für Ornithologen mit schier unendlich erscheinenden Schilfflächen (etwa 140 Vogelarten soll es dort geben) und zum Beobachtungsturm des polnischen ornithologischen Vereins.
 Wir machen bei der Kirche kehrt, biegen hinter der Feuerwehr links ab und erreichen nach kurzer Wegstrecke den unweit des Ortes in einem kleinen Hain gelegenen alten deutschen Friedhof. Er war ein halbes Jahrhundert unter wildem Pflanzenwuchs verborgen und ist erst kürzlich „wieder entdeckt“ worden. Das älteste dort aufgefundene Grabmal stammt aus dem Jahre1856.  Noch bis 1945 fanden hier Beerdigungen statt.  Nach dem Krieg fand sich verständlicherweise zunächst niemand, der die Gräber pflegen wollte oder konnte. Daher sind nur wenige Grabsteine und Grabeinfassungen erhalten, viele Marmorplatten fehlen ganz. Der Gesamteindruck ist recht trist. Jedoch sind Restaurationsarbeiten geplant.  Die in Swinemünde ansässige Wissenschaftliche Gesellschaft „Karol Estreicher“ unterstützt die Aufräumungsarbeiten auf dem Friedhof. Dieser steht ebenso wie die Kirche und einige sehenswerte sehr alte Häuser unter Denkmalschutz. Wer etwas mehr Zeit hat, sollte sich auch die Mole der Kaiserfahrt am Stettiner Haff ansehen.
 Übrigens: Wer seinen PKW stehen lassen will und auch kein begeisterter Pedalritter ist - Kaseburg wird von Ostswine aus auch von den Swinemünder Stadtbussen angefahren. E.R.

Fotos oben: "Die Marina". Die Molen der Kaiserfahrt. Die Kaseburger Fähre verbindet die Inseln Usedom und Wollin.
Der deutsche Friedhof in Kaseburg. Die Marienkriche. Der ehemalige Schnellboothafen (manchmal auch als U-Boot-Hafen bezeichnet).
Links: Das Boot fährt in Richtung Kaiserfahrt.